„Wir tragen Geschichten in uns“: Nachfahrin einer Holocaust-Überlebenden bewegt Schülerinnen und Schüler der Gesamtschulen Kürten und Rösrath
Terry Mandel (6. V. li.) sorgte mit ihrer Geschichte dafür, dass sich die Jugendlichen der beiden Gesamtschulen Gedanken über die Vergangenheit ihrer Familien machten. Bildquelle: Wolfgang HüfferGeschichte ist weit mehr als das Auswendiglernen von Jahreszahlen – sie ist Teil unserer Identität. Diese Erfahrung machten rund 50 Schülerinnen und Schüler der Gesamtschulen Kürten und Rösrath. Auf Einladung des Kommunalen Integrationszentrums (KI) des Rheinisch-Bergischen Kreises berichtete die US-Amerikanerin Terry Mandel im Kreishaus von einer Flucht in Zeiten des Nationalsozialismus, die das Leben ihrer Familie für immer veränderte. Ziel der Veranstaltung war es, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, um darüber demokratische Werte zu festigen. Den Jugendlichen aus den 8. Klassen und der Oberstufe wurde dabei verdeutlicht, welche Auswirkung und Bedeutung die Vergangenheit weiter auch für sie hat. Beide Schulen sind Teil des Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und engagieren sich im Alltag für eine Schule möglichst ohne Diskriminierung.
Terry Mandel ist die Gründerin des „unerasure Projekts“, was zu Deutsch unauslöschlich bedeutet. Sie erzählte die Geschichte ihrer Mutter, der 1938 im Alter von nur 14 Jahren – kurz nach der Pogromnacht – die Flucht von Köln nach England und später in die USA gelang. Unter dem Titel „Secrets/Silence“, was so viel wie Geheimnisse und Schweigen bedeutet, verdeutlichte sie, dass viele internationale Familiengeschichten oft unbesprochen bleiben, aber dennoch die Gegenwart prägen.
Geschichte als Teil der Gegenwart
Für die Jugendlichen war es eine seltene Gelegenheit, mit einer direkten Nachfahrin einer Holocaust-Überlebenden in den Dialog zu treten. Mandel ermutigte die Teilnehmenden mit ihrer offenen Art, Fragen zu stellen und die eigene Herkunft zu erforschen. „Wir alle sind Nachkommen und tragen Geschichten in uns, die wir selber nicht durchlebt haben“, betonte sie. Geschichte sei nicht nur Vergangenheit, sondern Teil unserer Gegenwart und Zukunft.
„Jetzt möchte ich meine eigene Familie fragen“
Die Resonanz der Schülerinnen und Schüler war beeindruckend. In einer abschließenden Reflexion hielten sie ihre Gedanken auf vielen kleinen Zetteln fest. Viele zeigten sich tief berührt: „Es war spannend zu sehen, wie viele Menschen nicht wissen, was mit ihren Verwandten im 2. Weltkrieg passiert ist“, notierte ein Jugendlicher. Ein anderer ergänzte: „Es macht mich nachdenklich, was meiner eigenen Familie in der Vergangenheit passiert ist. Nun möchte ich bei meiner Familie nachfragen, woher ich eigentlich komme.“
Neben der persönlichen Geschichte von Terry Mandel beeindruckte sie der Einbezug von Zitaten bedeutender Persönlichkeiten wie Elie Wiesel, Simon Wiesenthal oder Madeleine Albright. Die interaktive und offene Gestaltung des Vormittags kam bei den Jugendlichen gut an: „Es war toll, dass wir offen reden und Fragen stellen konnten“, lautete ein Fazit. Eine Schülerin fasste zusammen: „Terry ist eine beeindruckende Frau mit einer so interessanten Geschichte. Es ist so wichtig, dass wir mehr darüber wissen.“
Demokratie stärken durch Dialog
Die Veranstaltung ist Teil der kontinuierlichen Antidiskriminierungsarbeit im Rheinisch-Bergischen Kreis. Ziel ist es, Themen wie Vielfalt und demokratische Teilhabe zu stärken, indem abstrakte Geschichte durch persönliche Begegnungen lebendig wird.
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